Josef Winkler

Josef Winkler hat anlässlich der kärnter Literaturtage, des Bachmannpreises ein Rede gehalten und gewissen Leuten gehörig was gesagt, die Rede ist jetzt zehn Tage online in der Kleinen Zeitung zu lesen und hier für immer, damit sie nicht vergessen wird:

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JOSEF WINKLER:

DER KATZENSILBERKRANZ IN DER HENSELSTRASSE

Klagenfurter Rede zur Literatur, gehalten am 24. Juni 2009

„Eine ganze Epoche liegt zwischen uns, und heute ein gewaltiges Schneeland.“

Stéphane Mallarmé

1.

„Weil ich, in jener Zeit, an jenem Ort, unter Kindern war und wir neuen Platz gemacht

haben, gebe ich die Henselstraße preis, auch den Blick auf den Kreuzberg, und nehme zu

Zeugen all die Fichten, die Häher und das beredte Laub. Und weil mir zum Bewusstsein kam,

dass der Wirt keinen Groschen mehr für eine leere Siphonflasche gibt und für mich auch

keine Limonade mehr ausschenkt, überlasse ich anderen den Weg durch die Durchlaßstraße

und ziehe den Mantelkragen höher, wenn ich sie blicklos überquere, um hinaus zu den

Gräbern zu kommen, ein Durchreisender, dem niemand seine Herkunft ansieht.“ Steht in der

Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“ von Ingeborg Bachmann. Immer wieder,

besonders abends, wenn es dämmert und in Klagenfurt die Straßen leer werden, gehe ich von

der Khevenhüllerstraße, über die Radetzkystraße, Richtung Kaserne, wenige Hundert Meter

weiter, in die Henselstraße, in der Ingeborg Bachmann einen Teil ihrer Kindheit und ihre

Jugend verbracht hat, betrachte einen großen, an der Zauntür des Nachbarhauses hängenden

Schildpattkranz, einen Katzensilberkranz, wie ich ihn nenne, der aus hunderten hostiengroßen

Schildpatttalern zusammengefügt ist, ziehe ein leicht angeklebtes Schildpatt aus dem Kranz,

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stecke es schnell und verstohlen ein – auf meinem Schreibtisch wird es liegen müssen, sage

ich mir, während ich diesen Text schreibe – und gehe, an das Katzensilber meiner Kindheit

denkend, ein paar Schritte weiter zum Haus Nummer 26, zum Haus der Ingeborg Bachmann,

das Katzensilber vor Augen, das ich damals am Flussufer der Drau gesammelt, nach Hause

getragen, als Lesezeichen in Winnetou I hineingesteckt habe – ein paar Jahre, bevor ich den

Namen Ingeborg Bachmann das erste Mal hörte -,  an der Stelle, wo Winnetou bei einem

Zweikampf seinem damals noch weißen Feind Old Shatterhand ein Messer ins Herz stoßen

wollte, aber auf der linken Brusttasche seines Gegners an der Sardinenbüchse abrutschte, so

daß das Messer des Indianers seinem Feind Old Shatterhand oberhalb des Halses und

innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge stieß und sein Blut, wie es in

Winnetou I steht, „aus der äußeren Wundöffnung am Hals in einem beinahe fingerdicken

Strahle herausrann“.

2.

Vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend und auf den über die Hausmauer rankenden

Rosenstrauch und die Gedenktafel der Dichterin verdeckenden weißen und rosafarbenen

Rosenblüten schauend, schiele ich immer wieder nach rechts, ein paar Häuser weiter,

stadteinwärts, aufs Gartentor in der Henselstraße Nummer 22, an dem der große, schwere

Schildpattkranz hängt, und stelle mir vor, dass dieser Schildpattkranz am Gartentor des

Hauses von Ingeborg Bachmann angebracht ist mit einer langen breiten Schleife und mit den

aufgedruckten Worten aus ihrer Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt: „In der

Ausdünstung von Ölböden, von ein paar Hundert Kinderleben, Zwergenmänteln, verbranntem

Radiergummi, zwischen Tränen und Tadel, Eckenstehen, Knien und unstillbarem Schwätzen

sind zu leisten: ein Alphabet und das Einmaleins, eine Rechtschreibung und zehn Gebote.“

Wenn Ingeborg Bachmann von der Ausdünstung der Ölböden in der Schule spricht, tauchen

wieder die eigenen Erinnerungen vom schwarzen Ölboden im Unterrichtsraum auf, in der

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„Klasse“ der Dorfvolksschule, wie wir den Raum nannten – damals, wann war das? – vor

einem halben Jahrhundert schon, als der Kleindienst Gerhard, der älteste Sohn einer

Keuschlerfamilie, deren Kinder jahrelang versteckt im eigenen Haus und Hof gehalten

wurden und niemals mit den Bauernkindern des Dorfes spielen durften,  zum ersten Mal an

die Dorföffentlichkeit, in die Schule gehen sollte und sich im Flur des Schulhauses gegen den

stark nach Öl  riechenden Boden stemmte und schrie – wir warteten in der Klasse, in den uns

zugeteilten Sitzbänken auf unseren zukünftigen Mitschüler -, so schrie, dass mich sein

Schreien an das furchterregende  Zwillen eines Schweins erinnerte, das, festgebunden mit

einem kotbeschmierten Strick am Oberkiefer, aus dem Stallglitsch in den Hof hinausgezogen

wurde, worauf zwei stark behaarte menschliche Hände den geladenen silbernen

Bolzenschußapparat, den „Buffer“, wie wir ihn nannten, an den Schädel des sich gegen den

Hofboden stemmenden, widerstrebenden Schweins hielten, der Menschenkörper zurückfuhr,

das Schwein zusammensackte, der zappelnde dicke Fleischwanst mit hocherhobenen Beinen

vor dem Misthaufen lag, mit einem großen Küchenmesser in seinen Hals gestochert und das

fingerdick warm herausströmende, in die Waschschüssel, über der sich am Wochenende mit

einer Terpentinseife, auf der ein Hirsch aufgedruckt war, die Kinder die Achselhöhlen

wuschen, schäumende Schweinsblut von der taubstummen Magd aufgefangen wurde, und

während ich in der Henselstraße vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehe und auf den

Rosenstrauch an der rosaroten Hausmauer schaue, mir die sich gegen den schwarzen Ölboden

stemmenden Füße des weinenden und zwillenden Kleindienst Gerhard vorstelle, der von zwei

Erwachsenen, von seiner Mutter und von dem Augengläser tragenden Lehrer, in die Klasse

hineingezogen werden musste, fallen mir auch die Worte meines inzwischen

dreizehnjährigen, damals siebenjährigen Sohnes ein, der sich auch am zweiten Schultag gegen

die Türschwelle der Schule stemmte und flehentlich sagte: „Ich möchte nicht in die Schule

gehen, ich möchte Schriftsteller werden!“

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3.

„Kinder legen alte Worte ab und neue an“, steht in der Prosa „Jugend in einer

österreichischen Stadt“ – einer Stadt, die Ingeborg Bachmann in dieser Geschichte nur einmal

mit dem Buchstaben „K“ identifiziert. Immer noch vor dem Haus von Ingeborg Bachmann

stehend, auf die Blüten des hoch am Gemäuer aufragenden und die Gedenktafel verdeckenden

Rosenstrauchs und wieder sehnsuchtsvoll nach rechts auf den am Gartentor des

Nachbarhauses hängenden Schildpattkranz schauend, erinnerte ich mich an einen Herbsttag –

damals, wann war das? -, als ich, aus Klagenfurt kommend, in meinem Heimatdorf Kamering

meinen Freund, den Schneiderssohn besuchte, in die nach Stoffballen und Zigaretten

riechende, großräumige Küche hineinging, in der seine Mutter an der Singer-Nähmaschine

ratterte, sein Vater mit der diskusförmigen, kleinen rosaroten Schneiderkreide den

angeschnittenen Stoff markierte, und wir aus dem Radio hörten, dass in Rom die in

Klagenfurt aufgewachsene, österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann nach einem

Brandunfall in ihrer Wohnung ihren schweren Verletzungen erlegen sei. Das Wort „erlegen“

hatte mich damals, als Jugendlichen, irritiert und erschreckt, die Radiostimme sprach nicht

von Tod und Sterben, sondern von „erlegen“. Ich ahnte nur, dass die Dichterin tot war, ich

hatte auch nicht den Mut die Schneiderin zu fragen, was denn das Wort „erlegen“ überhaupt

bedeutet. In dieser Radiomeldung war auch davon die Rede, dass Ingeborg Bachmann unter

Drogen gestanden haben soll, Alkohol und Tabletten eingenommen habe und mit einer

brennenden Zigarette eingeschlafen sei, die schließlich einen Schwelbrand auslöste.

Ribiselsaft schlürfend und mit einer Gabel im Kirschkuchen stochernd, die Kirschkerne in

unsere Hände spuckend, schauten wir in der Schneiderwerkstatt mit Gänsehaut immer wieder

aufs kleine Kofferradio, warteten, begleitet von den Morsezeichen der ratternden Singer-

Nähmaschine, die nächste volle Stunde ab, um dieselbe Meldung mit neuen Details und

vielleicht auch noch einmal das Wort „erlegen“ zu hören, das wir bis dahin nicht einmal vom

Hörensagen kannten.

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4.

„Noch lieber sind sie unter sich, nisten sich auf dem Dachboden ein und schreien manchmal

im Versteck, um ihre verkrüppelten Stimmen auszuprobieren. Sie stoßen leise kleine

Rebellenschreie vor Spinnennetzen aus.“ Erlegen, um es so zu sagen, erlegen, sage ich und

befühle mit der durchstochenen, vernarbten Zunge meinen Gaumen mit Groll und

Verzweiflung, denn ich sehe zappelnde Kinderbeine auf dem Asphalt vor mir, erlegen in

dieser Stadt, in der ich auch schon mein zweites Jahrzehnt verbringe und in der Ingeborg

Bachmann in der Henselstraße aufgewachsen ist, seinen Verletzungen erlegen ist auch der

neunjährige Lorenz Woschitz, vor zwei Jahren, als einem größenwahnsinnig gewordenen

Bürgermeister und einem ebenso größenwahnsinnigen Landeshauptmann, den beiden

Hausherrn der Stadt K. und des Landes K., in den Kopf gestiegen war – der eine hat später,

schwer alkoholisiert, aus seinem mit dreifach überhöhter Geschwindigkeit fahrenden Auto ein

beim Aufprall mehrfach sich überschlagendes Geschoß gemacht -, für drei Fußballspiele, für

viereinhalb Stunden Fußball also, ein gigantisches Fußballstadion in dieser Kleinstadt zu

bauen. Der neunjährige, gerade aus der Schule kommende Lorenz Woschitz, der auf dem

Heimweg war, wurde in Klagenfurt an einer Kreuzung – damals ein Dreivierteljahr lang eine

ein paar hundert Quadratmeter große Baustelle -, die er auf einem Zebrastreifen bei Grün

überquerte, von einem Lastwagen überfahren und getötet. Um das neue Fußballstadion

schneller fertig bauen zu können, in dem im Juni 2008 in Klagenfurt drei

Europameisterschaftsspiele stattfanden, wurde von dieser Kreuzung, an der sich der tödliche

Unfall ereignete, immer wieder Personal zu Arbeiten ins Fußballstadion abgezogen,

manchmal sah man wochenlang keine Arbeiter auf dieser mit Verkehrstafeln und

Hindernissen vollgepflasterten, die Autofahrer irritierenden Kreuzung, und so haben die

verantwortlichen Straßenbauer, die Sensenmänner von Klagenfurt, wie ich sie nenne,

schließlich  den Tod eines Schulkindes buchstäblich aus dem Asphalt gestampft. Von einem

Omnibus aus, der im Verkehr ins Stocken geraten war, sahen Schulkinder den sterbenden,

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noch mit den Beinen zappelnden, neunjährigen Lorenz Woschitz auf dem Asphalt liegen, in

der Radetzkystraße, wenige hundert Meter von der Henselstraße entfernt, in der Ingeborg

Bachmann im Haus mit der Nummer 26  Kindheit  und  Jugend verbracht hat. „Die Kinder

haben keine Zukunft.“, steht in der Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“. „Sie

fürchten sich vor der ganzen Welt. Sie machen sich kein Bild von ihr, nur von dem Hüben und

Drüben, denn es lässt sich mit Kreidestrichen begrenzen. Sie hüpfen auf einem Bein in die

Hölle und springen mit beiden Beinen in den Himmel.“

5.

Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über dreißig Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der

Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt

Mitteleuropas mit 100.000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt, in einem

Land, in dem der damalige, inzwischen eingeäscherte Landeshauptmann gemeinsam mit dem

röm.-kath. Parteivorsitzenden der sogenannten christlich-sozialen Volkspartei – der vor einem

Jahr einen schweren Verkehrsunfall überlebt und nach seiner Genesung im Freundeskreis

demutsvoll erzählt hat, dass ihm, um seine Worte zu gebrauchen, die „Lourdes-Mitzi“ beim

Verkehrsunfall das Leben gerettet hat -, dieser Kärntner ÖVP-Vorsitzende und der ehemalige

Kärntner Landeshauptmann, der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat, haben im

vergangenen Jahr beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank einem Villacher Steuerberater für

seine zweimonatige mündliche Beratung ein Honorar in Höhe von 6 Millionen Euro in

räuberischer Manier aus Landesvermögen zugeschanzt, und höchst appetitlicherweise ist

dieser Villacher Steuerberater auch noch der persönliche Steuerberater des Kärntner ÖVP-

Politikers, dem himmel- und gottseidank die Lourdes-Mitzi bei einem Verkehrsunfall das

Leben gerettet hat. Gegrüßt seist du, Maria, Königin der Güte, Ölbaum der Barmherzigkeit,

durch welchen uns die Arznei des Lebens zukommt! Das gigantische Stadion, das für drei

Europameisterschaftsspiele gebaut wurde, hat über 70 Millionen Euro, also eine Milliarde

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Schilling gekostet, und der Villacher Steuerberater hat für seine zwei Monate lange mündliche

Beratung, von diesen beiden Politikern 6 Millionen Euro, also 84 Millionen Schilling,

eingestreift. Der von den beiden Politikern auf diese Art und Weise zum Multi-Millionär

gemachte Steuerberater begründete die Höhe des Honorars unter anderem mit den Worten:

„Es waren zwei intensive Arbeitsmonate!“ und „Ich habe mein Werk abgeliefert!“ (Zuerst

hätten es 12 Millionen Euro Honorar sein sollen, aber er hat sich erweichen lassen und hat

dem Land einen, um seine Worte zu gebrauchen, „Patriotenrabatt“ gewährt und schließlich

nur mehr 6 Millionen Euro verlangt und bekommen.) Aber für eine Stadtbibliothek in der

Landeshauptstadt, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt, hatten diese drei erwähnten

Politiker in den letzten Jahren, und eigentlich seit dieser Literaturwettbewerb existiert, kein

Geld. Sie haben kein Geld für eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche. Sie haben kein

Geld für Bücher. Sie haben kein Geld für die Bücher von Ingeborg Bachmann. Sie haben kein

Geld für den „Guten Gott von Manhattan“. Sie haben kein Geld für die „Anrufung des

Großen Bären“. Sie haben kein Geld für „Die gestundete Zeit“. Sie haben kein Geld für

„Malina“, für „Das dreißigste Jahr“. Seit über dreißig Jahren haben sie kein Büchergeld für

die Jugend dieser österreichischen Stadt! denke ich, in der Henselstraße, vor dem Haus von

Ingeborg Bachmann stehend, auf den an der rosaroten Hausmauer sich hochrankenden

Rosenstrauch und immer wieder nach rechts zum Schildpattkranz schielend, der schwer auf

der Gartentür des Nachbarhauses hängt. „Es ist kein Geld im Haus. Keine Münze fällt mehr

ins Sparschwein. Vor Kindern spricht man nur in Andeutungen. Sie können nicht erraten,

dass das Land im Begriff ist, sich zu verkaufen und den Himmel dazu, an dem alle ziehen, bis

er zerreißt und ein schwarzes Loch freigibt.“ Um die Politik Willy Brandts zu unterstützen,

drückte im Oktober 1972, also ein Jahr vor dem Tod von Ingeborg Bachmann, bei einem

Parteitag der Schriftsteller und  Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, seine Abscheu vor

den Mächtigen, die keine Scham haben, mit folgenden Worten aus: „Es gibt nicht nur eine

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Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch

Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden.“

6.

„Die Durchlaßstraße hat ihren Namen nicht von dem Spiel, in dem die Räuber

durchmarschieren, aber die Kinder dachten lange, das wäre so“, schreibt Ingeborg

Bachmann in ihrer Geschichte „Jugend in einer österreichischen Stadt“. Und: „Erst später,

als die Beine sie weiter trugen, haben sie den Durchlaß gesehen, die kleine Unterführung,

über die der Zug nach Wien fährt. Hier mussten die Neugierigen hindurch, die zum Flugfeld

wollten, über die Felder, quer durch die Herbststickereien. Jemand ist auf die Idee

gekommen, den Flugplatz neben den Friedhof zu legen, und die Leute in K. meinten, es sei

günstig für die Beerdigung der Piloten, die eine Zeitlang Übungsflüge machten. Die Piloten

taten niemand den Gefallen, abzustürzen. Die Kinder brüllten immer: Ein Flieger! Ein

Flieger! Sie hoben ihnen die Arme entgegen, als wollten sie sie einfangen…“ Ich verlasse die

Henselstraße, verabschiede mich noch von der die rosarote Hausmauer hochrankende

Rosenstaude und vom Schildpattkranz, gehe die St. Veiter Straße entlang, am rosaroten Haus

mit der Nummer 24 vorbei, in dem der Zeichner Alfred Kubin vier Jahre lang als Jugendlicher

verbracht hat, zur Durchlaßstraße, durch die Unterführung, über die der Zug nach Wien fährt,

zum Annabichler Friedhof. Einen Steinwurf nur vom Grab von der Ingeborg Bachmann und

einen Katzenhechtsprung vom Flugplatz entfernt, ist das Grab des neunjährigen Lorenz

Woschitz. Weitauseinander gegrätscht und unendlich verlängert hat man seine Beine, der eine

Fuß ist im Himmel, der andere ist in der Hölle, um die Worte von Ingeborg Bachmann zu

paraphrasieren, und auf der Straße ist in der Todesstunde eine Kreidezeichnung in Gestalt

eines Kindes geblieben, bis sie ausradiert worden ist vom Regen, Staub oder Wind. Der

Magistrat der Stadt Klagenfurt war nicht imstande, der Familie einen zinslosen Kredit für die

Begräbniskosten – mit weißem Kindersarg – zu gewähren. Es gibt dafür keinen

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Budgetposten! soll es wörtlich geheißen haben. Rote und lachsfarbene Nelken blühen auf dem

Grab des Kindes, violette Stiefmütterchen, ein Herz aus Glas als Blumenbehälter, ein blauer

Lederball, auf dem „Euro 2008“ steht, auf dem kleinen, schönen Grabstein das Brustbild des

neunjährigen Buben, ein blauer, leicht bewölkter Himmel hinter seinem blonden Scheitel.

„Wir vermissen dich!“ steht auf einem danebengesetzten, kleineren Stein, neben einem

Gipsengel. Ja, wir vermissen dich, Lorenz Woschitz! Mit meinen Schritten vermesse ich die

steinwurfweite Entfernung bis zum Grab von Ingeborg Bachmann, in dessen Mitte, umgeben

von der Umklammerung niedergeschnittener Buchsbaumsträucher, ein rostfarbener

Keramiktopf mit rosaroten Petunien steht. Auf ihrem Grabstein, zwischen den Buchstaben A

und C des Namens Bachmann, steckt ein kleiner, weißer, ein wohl vom Bachwasser, denke

ich, herzförmig zugeschliffener Stein. „In dem Mietshaus in der Durchlaßstraße müssen die

Kinder die Schuhe ausziehen und in Strümpfen spielen, weil sie über dem Hausherrn wohnen.

Sie dürfen nur flüstern und werden sich das Flüstern nicht mehr abgewöhnen in diesem

Leben. In der Schule sagen die Lehrer zu ihnen: Schlagen sollte man euch, bis ihr den Mund

auftut. Schlagen… Zwischen dem Vorwurf, zu laut zu sein, und dem Vorwurf, zu leise zu sein,

richten sie sich schweigend ein.“

7.

Als ich mich vor vierzehn Tagen, auf einer Lesereise in der Türkei, in Ost-Anatolien, in der

Stadt Van aufhielt, sechzig Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, durch die Stadt ging

und in einer Markthalle eine Scheibtruhe sah, in der sich an die dreißig, vierzig schwarze,

blutige Schafsschädel stapelten, da dachte ich, während der Fleischhauer die schwarzen

Schafsschädel nacheinander in einen Schacht hineinwarf, wie lange werden sich die

Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und

räuberischen Politikern, den Hausherrn des Landes Kärnten und den Hausherrn der Stadt

Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den

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Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch

werden sie demütig sein und sich lammfromm ausrauben lassen, bis sie vielleicht, die

Bevölkerung und die Bewohner dieser Stadt und dieses Landes,  mit letztem großen Staunen

vor ihren eigenen Eingeweiden stehen, die ihnen zu Füßen liegen werden, wie lange noch,

dachte ich, als ich dem anatolischen Fleischhändler zuschaute, wie er nacheinander die

blutigen, schwarzen Schädel der Schafe entsorgte, bis die blutbeschmierte Scheibtruhe leer

war und ein Kind in einer Schlangenlinie mit ihr davonfuhr. „Zeit der Trophäen, Zeit der

Weihnachten, ohne Blick voraus, ohne Blick zurück, Zeit der Kürbisnächte, der Geister und

Schrecken ohne Ende. Im Guten, im Bösen: hoffnunglos.“

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